Nie wieder Deutschrock

Rede auf dem Ostermarschund auf der Kundgebung auf der Exe in Flensburg am 20. April 2019.

Transparent auf der Exe am 20. April 2019

Eine Woche lang schallte ein Freiwild Song nach dem anderen aus meinen Boxen. Schnelle Riffs, raue Stimme und gut gegelte Haare.

Texte über wahre Werte, über Identität und die Heimat, manchmal auch über wahre Liebe und immer und immer wieder über die sogenannten linken Feinde der Band.

»Maulkorbterroristen«, »Stolze Freiheitskämpfer«, »Systemmarionetten«… »prangern wir nicht ungern, von euren grauen Listen«… Ich kriege Gänsehaut und merke, dass da ein kleines Menschlein in meinem Kopf ist, das anfängt sich zu schütteln.

Aber… die Band und ihre Fans werden total missverstanden, zumindest ist dass das gebetsmühlenartig wiederholte schwere Los der armen Patrioten. Und jetzt wurde ihnen, nach der kulturellen Identität, hier in Flensburg auch noch ihre Meinungsfreiheit geraubt.

Die Texte der Band und die Aussagen der Fans triefen nur so vor Opfermythos und Unverständnis. Und dabei sind sie doch die, die die Wahrheit in »einem Land der Vollidioten« erkannt haben.

Sie stilisieren sich als falsch verstandene Helden, die zu Unrecht zum rechten politischen Spektrum gezählt werden. Das ganze kommt mir gruselig bekannt vor.

Massen von armen, unterdrückten Deutschen, die sich nun endlich mal wieder das Recht nehmen stolz sein zu dürfen. Ich glaube ich muss hier nicht weiter ausführen womit das beim letzten Mal geendet hat.

Aber wir sind doch gar keine…!

Der kleine Mensch in meinem Kopf hat mittlerweile angefangen zu brüllen.

Doch! Brüllt er und rauft sich dabei dir Haare. Doch! Habt ihr euch mal die Geschichte angeguckt?!

Wir leben in einem Europa, das seine Grenzen nach Außen immer mehr schließt und in dem »gemeinen Flüchtling als solchen« den perfekten Sündenbock gefunden hat. Es hat Angst vor Terror und Überfremdung. Angst, vor dem Verlust der eigenen Identität. Angst vor einer immer komplexer werdenden, globalisierten Welt.

Da scheint der Rechtspopulismus fast schon wie ein rettender Anker. Er liefert einfache Antworten und simple Feindbilder. Und er hat so viele Gesichter!   

Seit einigen Jahren gibt es die AfD, die sich als die Stimme des Volkes feiert, deren Spitzenpolitikerinnen Selbstschussanlagen an den Grenzen fordern.

Es gibt Gruppen wie PEGIDA, die »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«, noch mehr Volksstimme, die sich für den Erhalt und Schutz der deutschen Kultur einsetzten wollen und gegen alles hetzten, was nicht weiß und christlich ist. 

Und in diesem gesellschaftlichen Klima, das ganz nebenbei zu einem rapiden Anstieg auf Anschläge auf Unterkünfte für Geflüchtete führt und die Rassismen in unseren Köpfen nur immer weiter verstärkt…. In diesem gesellschaftlichen Klima kommt eine Band wie Freiwild daher, bezeichnet sich als Stimme des Volkes und möchte mir weismachen sie habe mit Politik nichts am Hut.

Um ehrlich zu sein weiß ich nicht ob ich das clever oder einfach nur naiv finde. Doch mit der Vergangenheit, die die Band aufzuweisen hat entscheide ich mich eher für clever. Der Sänger saß im Brixer Stadtparlament für die Partei »die Freiheitlichen«, das Südtiroler Pendant zur AfD, und der Grund für seinen Austritt waren keine politischen Differenzen, sondern eine Empfehlung des Managements. Denen war nämlich aufgefallen das es ganz und gar nicht zusammen passt Sänger in einer unpolitischen, lediglich sehr Volks und Heimatnahen Band zu sein und gleichzeitig Politik zu machen. Und in diesem Fall dann auch noch sehr Patriotische…

Aber ich vergaß. Das sind ja keine Rassisten. Das sind ja alles nur Deutschrock-Fans, das sind alles nur stolze…

Der kleine Mensch in meinem Kopf ist mittlerweile dazu übergegangen seinen Kopf an meine inneren Schädelwände zu hämmern.

»Ihr feiert eine Band die Ethnopluralismus besingt«, brüllt es zwischendurch, »merkt ihr das denn nicht, das ist die Ideologie der Identitären?!«

In dem Weltbild das von Freiwild besungen wird ist Platz für viele Kulturen, die dürfen sich auch gern alle lieb haben. Allerdings nur dann, wenn sie auch gefälligst da bleiben wo sie herkommen. Denn da sind ja auch ihre Wurzeln und ihre Sprache und ihre Kultur. Kultur wird als etwas Starres verstanden, das bewahrt und beschützt werden muss und auf „sein Land“ hat der Mann auch stolz zu  sein. Worauf genau konnte mir leider auch nach mehrfacher Nachfrage kein stolzer Deutscher erklären.

Aber genau diese krude Rückbesinnung auf das »deutsch sein« ist das gefährliche. Um meine eigene Kultur als erhaltenswerter als andere darzustellen muss ich zwangsläufig die anderen abwerten und das führt dazu, das ich anfange sie zu diskriminieren.

Und das, ist das was jeden Tag auf unseren Straßen passiert! 

Es ist mir egal ob Freiwild und ihre Fans sich für Nazis halten. Sie liefern einen rockigen Sound für den Rechtsruck in unserer Gesellschaft und ihre Texte sind ein Berührungspunkt mit rechtem Gedankengut und Ideologien.

Sie verschieben die Grenze von dem, was gesellschaftlich akzeptiert ist, mit ihren Phrasen immer weiter nach rechts und bereiten damit den Boden für das, wogegen sie sich vermeintlich positionieren.

Nationalismus. Rassismus. Fremdenhass!

Und in so einer Welt möchte ich nicht leben. Nie wieder Deutschrock!

Rednerin: Chiara